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Bildung heute – Fragezeichen und Gewissheit

Die Vorstellungen davon, was „gute Bildung“ bedeutet sowie die Bedingungen und Wege, auf denen junge Menschen diese erlangen können, entwickeln sich kontinuierlich weiter. Dabei ist vor allem in den letzten 18 Jahren viel passiert, und diese Entwicklung verlief derart schnell, dass sie viele Pädagog*innen, Eltern und Fachleute heute ratlos zurück gelassen hat.

Denn immer wieder erweisen sich auch zunächst gefeierte neue Erkenntnisse – oder auch die Art, in der sie von  verschiedenen Interessengruppen interpretiert werden - als Irrwege zum Nachteil der Kinder und Jugendlichen.

Ein Beispiel hierfür war der große Bildungskongress mit dem Thema „Die Entdeckung der frühen Jahre“, der 2005 in Berlin stattgefunden und eine neue Ära der Bildungspolitik eingeläutet hatte. Damals waren Politiker*innen, Pädagog*innen, Wirtschaftsfachleute, Psycholog*innen und andere Expert*innen zusammen gekommen, um sich über die Bedeutung von Bildung im 21. Jahrhundert auszutauschen.

In der Folge entstand ein regelrechter Bildungs- und vor allem Frühförderungs-Boom, der neue Bildungspläne sowohl für die Elementarpädagogik als auch für alle Schulwege nach sich zog und dabei ausgefeilte, standardisierte Kontrollsysteme im Gepäck hatte. So wurden binnen kürzester Zeit unterschiedlichste Programme entwickelt, die Kinder und Jugendliche noch besser fördern sollten und dabei Erfolg und Effektivität versprachen.

Dies setzte sowohl Eltern als auch pädagogische Fachkräfte innerhalb der Kindergärten und Schulen umgehend unter erheblichen Druck, da sie alle von der Sorge getrieben waren, vermeindliche Chancen auf Leitungssteigerung bei den Kindern zu verpassen.

Dieser Druck lastete umso mehr auf den Schultern der Pädagog*innen, als dass  mit dem Ausbau von Ganztagsangeboten gleichzeitig eine wachsende Anzahl  von Kindern und Jugendlichen immer mehr Zeit innerhalb von Einrichtungen wie Krippe, Kindergarten und Schule verbrachten und immer weniger Zeit bei ihren Eltern und Familien.

So beschreibt Prof. Gerald Hüther in seinem Buch „Rettet das Spiel!“ wie unter diesem Gebot effizienter, leistungsorientierter (Früh-)Förderung immer mehr Kinder und Jugendliche erleben mussten, wie sie „durch Mama, Papa oder eine andere Bezugsperson, mit der sie sich emotional verbunden fühlen, zum Objekt von Erwartungen, Bewertungen, Maßregelungen oder anderer Maßnahmen ihrer Erziehung gemacht werden. Dann nämlich erlebt sich ein Kind oder Jugendlicher*in nicht mehr als geliebt und in seiner Einzigartigkeit als Subjekt angenommen. Das bringt sein Gehirn und die dort bisher so harmonisch aufgebauten neuronalen Netzwerke und die aufeinander abgestimmten Erregungsmuster in einen Zustand massiver Inkohärenz.“

Diese Stimmen mehrten sich und mit ihnen die Forschungs-Literatur, die in den letzten Jahren aus verschiedensten Wissenschaftsbereichen zu dieser Problematik veröffentlicht wurde, z.B. den Erziehungswissenschaften (Prof. André Zimpel „Spielen macht schlau“), der Neurobiologie (Prof. Gerald Hüther, Prof. Manfred Spitzer, u.a.), der Medizin (Prof. Joachim Bauer „Lob der Schule“), der Psychologie (Haim Omer „Stärke statt Macht – Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde“), oder der Soziologie (Hartmut Rosa „Resonanz“).

Damit war der Glaube an die effiziente Leistungsförderung der frühen Jahre durch vordergründige Programme endgültig erschüttert und durch folgende Erkenntnis der Forschung dieser Disziplinen  ersetzt:

 

Die wichtigste Voraussetzung erfolgreicher Bildungsprozesse ist eine gelingende Beziehungsgestaltung.

Was bedeutet das?

Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder, die selbst begeisterungsfähig sind und sich für viele unterschiedliche Inhalte interessieren können.

Genauso wichtig ist es, dass die Erwachsenen - also Eltern und Lehrkräfte – sich miteinander zu einer „Erziehungspartnerschaft“ verbünden, also Erziehungspartner werden, die nicht in erster Linie auf maximale Förderung und gute Schulabschlüsse spekulieren, sondern ein gemeinsames Interesse an der Entfaltung der Entwicklungspotentiale eines Kindes und Jugendlichen haben.

Das hat bereits Dr. Maria Montessori vor über 100 Jahren gesehen, indem sie forderte, „Kinder und Jugendliche nicht mehr hauptsächlich auf Examen vorzubereiten, die sie für ihren weiteren Weg benötigen, sondern sie zu einer größeren Eigenverantwortung und Unabhängigkeit zu führen, die sie durch ihre eigene Willensanstrengung erreichen, um zur größtmöglichen Persönlichkeitsentfaltung zu kommen.“

Unsere Lehrgänge, Aufbauseminare und workshops basieren auf den grundlegenden Erkenntnissen, die Maria Montessori und ihr Sohn Mario in jahrzehntelanger intensiver Forschung und achtsamer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gewonnen haben und die in der Literatur umfassend beschrieben sind.

Um dieser Pädagogik im 21. Jahrhundert gerecht zu werden, reflektieren wir ihre Inhalte kontinuierlich auch am Beispiel anderer reformpädagogischer Ansätze sowie vor dem Hintergrund neuester Erkenntnisse aus den Erziehungswissenschaften, der Psychologie, Neurobiologie, Medizin sowie der Soziologie.

Wie wegweisend in diesem Rahmen auch die Zusammenarbeit mit den Eltern ist, hat Maria Montessori ebenso früh erkannt: Zu Beginn ihrer Arbeit in ihrem ersten Kinderhaus („casa dei bambini“ in Rom) machte sie die Beobachtung, dass Mütter und Väter, die selbst Analphabeten waren, großes Interesse an der Arbeit ihrer vier- oder fünfjährigen Kinder zeigten und eigens ins Kinderhaus kamen, um dort gezeigt zu bekommen und zu lernen, was ihre Kinder lernten: Lesen, Schreiben und Rechnen. Seitdem hat die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Pädagog*innen und Eltern eine fundamentale Bedeutung innerhalb der Montessori-Pädagogik. Dabei kann jeder von jedem lernen.

Dieses Prinzip eines „Lernens für Alle“ haben wir deshalb auch in unserer Akademie-Arbeit zum Maßstab erhoben. Unsere Lehrgänge, Aufbauseminare und Workshops bieten seit jeher eine Bildungsplattform, auf der sich Menschen, die ein vertieftes Interesse an Entwicklungs- und Bildungsprozessen haben, auf höchstem pädagogischen Niveau begegnen und austauschen können: Voraussetzung und Wegbereitung für gelingende Erziehungspartnerschaften im Leben und Arbeiten.

Dabei eröffnet sich jedem Erwachsenen in unseren Kursen eine gute Möglichkeit, seine eigene  Erziehungs- und Bildungsbiographie zu reflektieren und neue, interessante Erfahrungen bezüglich eines freudvollen, ganzheitlichen Lernens zu machen.

Gemäß dem wesentlichen Erziehungsprinzip Montessoris „Einzelheiten lehren bedeutet Verwirrung stiften – die Beziehungen unter den Dingen herstellen, bedeutet Erkenntnisse vermitteln“, lernen die Seminarteilnehmer*innen anhand der vielen didaktischen Materialien aus den Bereichen

  • „Übungen des praktischen Lebens“ (ÜdpL)
  • „Sinnesschulung“
  • „Mathematik“
  • „Sprache“
  • „Kosmische Erziehung“
  • „Musik“
  • „Kunst“
  • „Bewegung“

u.v.m., dass auch hier alle Bereiche miteinander in Beziehung stehen.

Dabei werden auf nahezu spielerische Weise Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglicht, die sich von den einfachsten Anwendungsformen bis hin zu hochkomplexen Verständniszusammenhängen erstrecken.

Auf diesem Weg können wir als Erwachsene, Pädagog*innen eine Haltung entwickeln, aus der heraus Lernen Freude macht und Üben wirklich zur Leidenschaft wird. Um mit dieser Freude und Leidenschaft die Grundvoraussetzung dafür zu schaffen, den Kindern und Jugendlichen im Lernen, Forschen und Entdecken tatsächlich Vorbild zu sein.

 

Claus-Dieter Kaul & Carolina Abel

Biberkor, August 2020

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